"Barrierefreiheit heißt für mich, auf Augenhöhe zu sein"

Altbau ohne Fahrstuhl, schmale Türen, enge Wege, kein behindertengerechtes WC: Viele Praxen in Deutschland sind höchstens eingeschränkt barrierefrei. Worauf es ankommt, zeigt ein Vor-Ort-Besuch.

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David Freudenthal

Um Punkt 12:30 Uhr im sächsischen Borna: Dr. Brigitte Rönsch steigt die Treppen hoch ins Medizinische Versorgungszentrum der Sana Kliniken Leipziger Land, in dem sie als Schmerztherapeutin arbeitet. Um 13 Uhr startet sie in ihre nachmittägliche Sprechstunde. Zu Brigitte Rönsch kommen Menschen mit ausgeprägten und zum Teil langanhaltenden Schmerzen. "Die meisten von ihnen haben dauerhafte Rückenschmerzen. Viele leiden aber auch an Schmerzen nach Operationen, Wundschmerzen oder an Neuropathien – also Nervenschmerzen", sagt die Ärztin. "Manche sind nur eingeschränkt mobil, benötigen Gehhilfen, einen Rollator oder sind auf einen Rollstuhl angewiesen."

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Kurz vor eins, das Wartezimmer beginnt sich zu füllen. Auch ein älterer Mann mit einem Rollator ist heute unter den Patientinnen und Patienten. "Die Praxis liegt zwar in der ersten Etage, aber es gibt einen Fahrstuhl, sodass alle unsere Räume problemlos erreichen können", sagt Brigitte Rönsch. "Sollte es nötig sein, können wir eine Servicekraft rufen, die die Patientin oder den Patienten im Erdgeschoss abholt und zu uns begleitet. Auch einen klappbaren Rollstuhl haben wir in der Praxis, um den Weg zu erleichtern." Auch wenn die Praxisräume nicht groß sind, so sind Türen und Wege breit und schwellenlos. Ein Rollstuhl passt bequem hindurch. Dr. Rönschs erste Patientin an diesem Nachmittag ist zwar mobil, doch als sie sich auf die Untersuchungsliege legen soll, ist sie froh, dass diese höhenverstellbar ist: Umständliches Klettern bleibt ihr so erspart.

Es geht um bauliche und kommunikative Aspekte

Versicherte in Deutschland haben ein Recht auf freie Wahl ihrer Ärztin bzw. ihres Arztes. Menschen mit Behinderungen stoßen jedoch häufig an Grenzen. Auch 15 Jahre nach Inkrafttreten der UN-Behindertenrechtskonvention sind viele Praxen in Deutschland noch nicht barrierefrei.

David Freudenthal Das gilt für bauliche Aspekte – aber auch unter kommunikativen Gesichtspunkten sind die Praxen oft nicht auf die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen eingestellt. Laut einer Civey-Umfrage im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales hatten 37 Prozent der Befragten oder eine Person aus deren Umfeld schon einmal Probleme wegen mangelnder Barrierefreiheit, etwa beim Arztbesuch. Natürlich wisse sie, dass Barrierefreiheit in einer medizinischen Praxis auch Aspekte wie Leichte Sprache, kontrastreiche Beschilderung, mehrsprachige Informationen umfasse, erklärt Brigitte Rönsch. Nützen könnten diese Hilfen auch den Besucherinnen und Besuchern des Medizinischen Versorgungszentrums in Borna, denn die seien nun mal oft älter. Hinzu komme, dass immer mehr Menschen die Sprechstunde besuchten, die nur wenig Deutsch sprechen. Dr. Rönschs neurochirurgisch tätige Kolleginnen und Kollegen in der Praxis nutzen zur Aufklärung vor Operationen bereits iPads. Darauf können sie zumindest problemlos ins Englische wechseln, was die Kommunikation mit Menschen mit geringen Deutschkenntnissen erleichtern kann.

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"Für mich persönlich bedeutet Barrierefreiheit vor allem, dass Patientinnen und Patienten mit mir auf Augenhöhe reden können," so Brigitte Rönsch. Bald zieht die Praxis in neu gebaute, ebenerdige Räumlichkeiten um. "Das eröffnet uns die Möglichkeit, über die baulichen Bedingungen hinaus von Anfang an auf mehr Aspekte der Barrierefreiheit Rücksicht zu nehmen." Ein wichtiges Vorhaben für ein vertrauensvolles Verhältnis zwischen Behandelnden und Behandelten.

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