Digitale Teilhabe für alle

Online Zeitung lesen, posten, einkaufen und Filme anschauen: Wenn alle Menschen digitale Anwendungen nutzen können, ist das gut für die gesamte Gesellschaft. Und es eröffnet neue Chancen – auch für die Wirtschaft.

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Stefanie Loos

Das Team von #BarrierefreiPosten auf der re:publica 2023: Prof. Dr. Christiane Maaß von der Forschungsstelle Leichte Sprache der Universität Hildesheim, Heiko Kunert und Dr. Laura Marie Maaß (von links nach rechts).

Stellen Sie sich vor, Sie betreten einen Webshop: Bevor es ans Stöbern geht, werden Sie in einem viel zu kleinen Fenster aufgefordert, Cookies anzunehmen oder abzulehnen. Dann erscheint die Startseite, auf der Sie eine Suchfunktion und ein Menü entdecken. Doch bei näherem Hinsehen wirkt die Seite unaufgeräumt: Die Schrift ist zu klein, die Warenkategorien sind nicht trennscharf, die Sprache wechselt zwischen Deutsch und Englisch. Im Kaufhaus der realen Welt bestünde die Möglichkeit, andere zu fragen oder einen Blick auf das Schild neben der Rolltreppe zu werfen. Doch wo hängt so ein Schild im Webshop? Anders gefragt: Wo bitte geht’s zu den Übergangsjacken?

Die Aktion Mensch hat 2022 verschiedene Websites, die über einen kompletten E-Commerce-Webshop verfügen, auf ihre Bedienungsfreundlichkeit hin überprüft: Nur 25 Prozent davon waren barrierefrei. "Leider wird digitale Barrierefreiheit nach wie vor vielfach als Nischenthema gesehen", sagt Domingos de Oliveira, der von Geburt an blind ist und Unternehmen bei dem Thema berät. Ein Drittel der Befragten einer Civey-Umfrage im Auftrag des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales gibt an, dass anpassbare Kommunikationstools wie etwa Websites ihrer Meinung nach zum Thema "Barrierefreiheit" gehören. In Deutschland leben rund 13 Millionen Menschen mit Beeinträchtigungen – es geht also um einen Markt mit mehreren Millionen potenziell Kaufinteressierter.

Natürlich seien zunächst "Menschen mit Behinderungen auf Barrierefreiheit angewiesen, aber fast alle profitieren von einer barrierefreien digitalen Umgebung", so der studierte Politikwissenschaftler de Oliveira. Denn nicht nur für Nutzerinnen und Nutzer mit Behinderungen, auch für ältere Menschen, Personen mit geringeren Deutschkenntnissen oder Familien wird das Leben durch verbesserte Zugänglichkeit erleichtert.

Verbesserte Zugänglichkeit – was ist das?

Einschränkungen beim Sehen, Hören, Bewegen oder beim Verarbeiten von Informationen dürfen bei der Nutzung digitaler Anwendungen keine Hindernisse sein. Das lässt sich durch eine klare Struktur von Inhalten sowie Navigations- und Bedienelementen erreichen; außerdem durch Versionen der Inhalte in Leichter Sprache und in Gebärdensprache. Inhalte und Bedienelemente sollten sich außerdem vergrößern lassen. Damit diese Hilfen selbstverständlich werden, tritt im Juni 2025 tritt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz (BFSG) in Kraft. Mit der neuen Regelung müssen künftig Notebooks, Smartphones, Fernseher und andere private Endgeräte barrierefrei gestaltet sein, indem Technologien wie Screenreader unterstützt werden. Screenreader sind Bildschirmleseprogramme, die Textinformationen akustisch wahrnehmbar machen. Auch alternative Gerätesteuerungen gibt es, etwa per Stimme statt per Mausklick. Ebenso müssen Geldautomaten, Fahrschein und Check-in-Automaten sowie Smartphone-Apps, Telefondienste und E-Books für alle zugänglich gestaltet werden.

Gegen Barrieren in sozialen Netzwerken

Natürlich ist Barrierefreiheit auch in den sozialen Medien ein wichtiges und viel diskutiertes Thema. Auch dort sind Klarheit und Verständlichkeit oberstes Gebot: Bei Hashtags bedeutet das etwa, am Anfang jedes neuen Wortes einen Großbuchstaben zu setzen, ebenso bei Abkürzungen wie "#EBW" (kurz für #EineBarriereWeniger). Daneben sind geschlechtergerechte Sprache, Untertitel, aussagekräftige Bildbeschreibungen und starke Kontraste Bestandteile des barrierefreien Postens.

#BarrierefreiPosten – die 5 wichtigsten Punkte

  • Verständlich schreiben
  • #Hashtags mit Großbuchstaben für jedes Wort und jede Abkürzung
  • Untertitel nah am Original
  • Kurze Bildbeschreibung, gute Kontraste
  • Plattformübergreifende Vernetzung

Anfragen für Workshops und Vorträge unter barrierefreiposten.de

"Wenn ein paar einfache Regeln beachtet werden, ist schon viel erreicht", sagt Heiko Kunert von der Initiative #BarrierefreiPosten, die sich für Inklusion in den sozialen Medien einsetzt. Die Initiative hat Kunert, Geschäftsführer des Blinden- und Sehbehindertenvereins Hamburg, mit Laura Marie Maaß, Expertin für barrierefreie Kommunikation und Gebärdensprachdolmetschen, ins Leben gerufen. Den meisten Menschen sei nicht bewusst, was eine Barriere darstelle – und wie einfach sie vermieden werden kann, sagt Maaß, die ihre Masterarbeit zu Barrierefreiheit in den sozialen Medien geschrieben hat. "Je mehr Nutzerinnen und Nutzer sich bewusst machen, wie wichtig digitale Inklusion ist, desto offener sind die sozialen Medien für alle." Digitale Teilhabe führte lange genug ein Nischendasein. Dass sie alle angeht, macht Domingos de Oliveira deutlich: "Wenn wir darüber nachdenken, fällt uns immer eine Person aus unserem Bekanntenkreis ein, die darauf angewiesen wäre oder davon profitieren würde."

Barrierefreiheit für Unternehmen

Seit 2010 berät de Oliveira Unternehmen, Behörden und zivilgesellschaftliche Initiativen. Diese Bücher hat er zum Thema geschrieben:

  • "Barrierefreiheit umsetzen: Ein Leitfaden für Behörden, Unternehmen und NGOs"
  • "Barrierefreiheit im Internet – ein Handbuch für Redakteure"

Weitere Informationen und das Schulungsangebot sind zu finden unter netz-barrierefrei.de

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