Das Prinzip der zwei Sinne

Das Hochwasser im Sommer 2021 in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz hat deutlich gemacht: Bei Unwettern und anderen Katastrophen kommt es auf die schnelle und umfassende Warnung der Bevölkerung an. Teilhabe wird dabei zum lebensrettenden Faktor.

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MASTD/Pulkowski

Juli 2021: Sintflutartige Regenfälle führen zu verheerenden Hochwassern, vor allem im Ahrtal in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz. Allein dort kommen 135 Menschen zu Tode; viele von ihnen, weil Alarme und Warnungen sie nicht erreichen. Und das, obwohl Alarme ausgesendet wurden: Um das sicherzustellen, verfügt Deutschland über einen umfassenden Mix aus Warnsystemen. Über verschiedene Kanäle und Medien – etwa die Warn-Apps NINA und KATWARN und den Mobilfunkdienst Cell-Broadcast – können die zuständigen Stellen die Bevölkerung informieren.

Warnsignale für alle

Wie kann sichergestellt werden, dass diese Systeme künftig barrierefrei funktionieren, also alle erreichen? "Barrierefreiheit gelingt mit dem Zwei-Sinne-Prinzip: Die Warnungen müssen mit mehreren Sinnen wahrnehmbar sein – und zwar eindeutig", sagt Ellen Kubica, Beauftragte für die Belange der Menschen mit Behinderungen des Landes Rheinland-Pfalz. "Konkret bedeutet das: Eine Warnung muss für Personen, die nicht sehen können, in Form eines vibrierenden Handys hör- und tastbar sein; Menschen, die nicht hören können, müssen die Warnungen lesen und haptisch wahrnehmen können." Erfüllen die bestehenden Warnsysteme diese Voraussetzungen bereits? Zwar existiere ein Mix aus Medien und Apps, doch Barrierefreiheit nach dem Zwei-Sinne-Prinzip hält Kubica für "noch ausbaufähig". KATWARN und NINA etwa basieren auf Akustik: "Wenn die am Bundesweiten Warntag losgehen, hören sie vermutlich alle – wenn sie denn hören können.“ Damit Gehörlose indes ein Vibrationswarnsignal wahrnehmen könnten, müsse es sich schon sehr von dem Signal für einen eingehenden Anruf unterscheiden. "Weiter an der Barrierefreiheit zu arbeiten, erscheint mir ein notwendiger Auftrag", fasst die Expertin zusammen. 

Rettung ist keine Einbahnstraße

Ein weiterer wichtiger Aspekt nicht nur im Katastrophenfall sind barrierefreie Notrufmöglichkeiten. Dafür gibt es seit 2021 "nora", die zentrale Notruf-App der Bundesländer. Sie ermöglicht auch Menschen mit eingeschränkten Sprach- und Hörfähigkeiten den direkten Kontakt zu den Leitstellen von Polizei, Feuerwehr und Rettungsdienst. Aus Sicht von Betroffenen funktioniere nora gut, sagt Ellen Kubica. Allerdings wurde die nora-App zunehmend dazu missbraucht, falsche Notrufe abzusetzen. Deshalb sind Neuinstallation und -registrierung derzeit nicht möglich. Eine Entscheidung, die die Landesbeauftragte kritisch sieht: "Ich finde das ein schwieriges Argument, denn Fake-Anrufe können natürlich auch auf anderen Wegen abgesetzt werden. Dass so eine App erst einmal verschwindet, wenn es ein Problem gibt, ermöglicht aus Sicht der Betroffenen keine gerechte Teilhabe." 

Bundesdigitalminister Volker Wissing verweist auf einen weiteren Weg: "Für gehörlose und hörgeschädigte Menschen gibt es bereits Alternativen wie die Nutzung eines Vermittlungsdienstes, mit dem jederzeit das Absetzen eines Notrufes unentgeltlich möglich ist. Ihr Zugang zur Notfallhilfe wird stetig verbessert." 

Nicht nur konkrete Anlässe, auch die zunehmende Beschäftigung mit dem Thema führt allen Beteiligten vor Augen: Barrierefreiheit kann Leben retten.

Ellen Kubica,
Beauftragte für die Belange der Menschen mit Behinderungen des Landes Rheinland-Pfalz

Warnungen müssen mit mehreren Sinnen wahrnehmbar sein – und zwar eindeutig.

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